Wer reitet so spät ...

Die Geschichte vom ‘Schimmelreiter’ (von Heinrich (Heiner) Busse)

Christian Seele (Stoas) aus Südfelde (Urgroßvater von Heiner Busse) ritt vor langer Zeit eines abends mit seinem Schimmel durch den Kunkgang nach Meßlingen, um vom alten Schmied Gieseking eine Schlachtemolle und eine Kette, - beides dort zur Reparatur, - abzuholen.
Die Arbeiten waren noch nicht durchgeführt, und so blieb er so lange, bis beide Teile fertig waren. Die Schlachtemolle erhielt neue Eisenbänder, die Kette wurde im Schmiedefeuer wieder verschweißt. Inzwischen war es halb zwölf nachts.
Christian Seele setzte sich nun auf seinen Schimmel, die Schlachtemolle legte er sich über die Knie, die Kette hängte er sich um die Schultern. So ging es nun endlich nach Hause. Er gab dem Schimmel die Sporen. Die Kette klapperte und klirrte.
Zurück ging es wieder durch den Kunkgang, der Meßlingen und Südfelde auch heute noch verbindet. Es war damals eigentlich kein richtiger Weg. Er entstand, weil die Leute Jahr für Jahr immer eine Abkürzung über die gepflügten und bestellten Felder nahmen. Etwa in der Mitte, also in den Grenzbereichen der beiden Ortschaften, lag die ‘Hue’. Hier war es sumpfig und auch ein wenig gruselig, wenn man bei Dunkelheit diesen Weg ging. Um die Geisterstunde mied man am besten diesen Pfad, wer wusste damals schon so genau, was hier so alles passieren konnte!

Die Lehrer aus Meßlingen und Südfelde waren befreundet und besuchten sich gelegentlich, so auch an diesem besonderen Abend. Da es bald auf Mitternacht, die Geisterstunde, zuging, brachte der Südfelder Lehrer seinen Meßlinger Kollegen bis an die Hue, der Grenze beider Dörfer. So hielt man es sich, war man an dieser heiklen Stelle dann doch zu zweit.
Die zwei hatten die Hue bald erreicht. Die Gespräche waren inzwischen verstummt, aufmerksam und vorsichtig gingen sie durch die Nacht. Plötzlich blieben sie stehen und lauschten. „War da nicht was“ Undefinierbare Laute waren zu hören. Sie waren unschlüssig, wie sie sich verhalten sollten.
So standen sie in der Dunkelheit und lauschten; alle Sinne waren aufs höchste angespannt. Das Klappern und Klirren kam näher und ihnen wurde unheimlich. Schemenhaft konnten sie etwas Helles erkennen, den Schimmelreiter im dunklen Gewand. Panische Angst breitete sich in ihren Gliedern aus, sie rannten um ihr Leben.

Am nächsten Tag berichtete der Südfelder Lehrer, - ganz erregt von diesem Erlebnis, - dem Bauern Seele diese unheimliche Geschichte. Der wiederum konnte sich vor Lachen nicht halten, waren doch zwei gebildete Leute vor ihm davongelaufen. Er konnte jedoch sagen, was er wollte, der Südfelder Lehrer glaubte ihm nicht. Der wusste alles besser.

So konnte er den Schimmelreiter auch genau beschreiben: Er hatte einen Mantelsack, in dem er sein Geld hatte und beim Reiten klapperte und klirrte das Geld in seinen Taschen. Später wollten auch andere Dorfbewohner den Schimmelreiter gesehen haben.

So entstand - und blieb - die Legende vom Schimmelreiter. Die Wahrheit interessierte niemanden. Die Geschichte hatte eine eigene Dynamik erhalten, konnte man sie doch an langen Winterabenden immer wieder erzählen und Zuhörer damit in seinen Bann ziehen.