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Vom Werwolf

Herbert Dombrowski
Viele der alten Sagen und Erzählungen sind in Vergessenheit geraten, weil die “gute alte Zeit“ - z. B. nach dem 1. Weltkrieg - durch eine in sich veränderte “neue Zeit“ abgelöst wurde.

Die Spinnabende zur Winterzeit, die nachbarlichen Besuche (“jüst rinkieken“) wurden weniger, die jüngere Generation hatte andere Interessen und die Alten nahmen ihr Wissen mit ins Grab. Und gerade auf diesen Spinnabenden, bei denen mehrere Dorfbewohner versammelt waren, ist viel von früher erzählt worden; auch manche aus grauer Vorzeit stammende Schauergeschichte war dabei. So auch die aus dem Sagenschatz hiesigen Volksmundes über den “Werwolf von Bockshorn“.

In dieser Flur “Bockshorn“, damals ein urwüchsiges Waldgelände auf Maaslinger und Meßlinger Gebiet, hauste ein gefährlicher Wolf, ein Untier ohnegleichen, der in manchen Schafherden großen Schaden anrichtete.

Zur gleichen Zeit lebte auf seiner Burg ein Ritter namens Bruno Bruns. Die Burg befand sich etwa dort, wo heute die Stätten Nr. 1 und 11 in Maaslingen angesiedelt sind.
Als man eines Morgens sogar den Schäfer des Ritters Bruno samt seiner Herde erwürgt vorfand, ließ Ritter Bruno sämtliche Männer des Dorfes zusammenrufen, die - bewaffnet mit Heugabeln und Knüppeln - dem Untier zu Leibe rücken sollten. Man durchsuchte das vermeintliche Aufenthaltsgebiet, aber aufgespürt hat man es nicht. Unverrichteter Dinge musste man wieder abziehen.
Noch in der folgenden Nacht erscholl vom Walde her ein furchtbares Geheul, das durch Mark und Bein ging, dazu ein Jammergeschrei von gequälten Menschen. Ritter Bruno, ein gutherziger frommer Mensch, bewaffnete seine Knechte und Nachbarn, um zur Hilfe zu eilen. Je näher sie der Stelle kamen, hörten sie das Schreien von Kindern nach Vater und Mutter. Es kam aus dem Hause des Waldarbeiters Wiebke, der in einer armseligen Hütte am Waldrand wohnte. Man eilte dorthin, aber man kam zu spät: Vater, Mutter und fünf Kinder lagen erwürgt am Boden, nur das jüngste Kind, das in einer Wiege unter einem Kreuz an der Wand lag, war verschont geblieben. Sofort beschloss man die Verfolgung des Untieres, die allerdings auch dieses Mal ohne Erfolg blieb.

Bei dem Kinde blieb ein alter frommer Mann namens Staas, um es zu beschützen. Dabei gewahrte er das Kreuz an der Wand, und es ihm fiel sofort ein: Nur dieses Kreuz hat das Kind in der Wiege geschützt. Zugleich stand auch für ihn fest, dass nur der Werwolf dieses Verbrechen begangen haben konnte. Er erbot sich, die Jagd nach dem Untier allein aufzunehmen. Für ihn stand fest: Nur mit Hilfe des Kreuzes konnte man diesem Untier beikommen.
Er baute eine Falle aus Hülsdorn (Ilex), versah sie mit drei Kreuzen und stellte sie vor dem Eingang des Hauses auf, in dem das Kind in der Wiege schlief.

Am nächsten Morgen war der Werwolf darin gefangen. Es war ein schrecklicher Anblick für den frommen Mann, aber mutig warf er ihm eine Schlinge über den Kopf und band ihn so fest, dass er nicht entrinnen konnte. Alsdann fertigte er ein Kreuz und eine Krone aus Hülsdornblättern und führte sie dreimal über den Kopf des Werwolfes, so dass er sich zurückverwandeln musste. Groß war das Erstaunen, es war ein Schneider aus M. All sein Flehen und Betteln half ihm nichts, noch am selben Morgen wurde er am Galgen gehängt.

Den versammelten Leuten, die zum Galgen hinaufschauten, zeigte sich eine ungetüme Eule, die heruntergeholt und verbrannt wurde. Seit dieser Zeit ist ein solches Untier nicht mehr gesehen worden.