Max & Moritz

Max und Moritz in unserer Gemeinde.
Herbert Dombrowski

‘Ach was muss man oft von bösen Jungen hören oder lesen ....’‘
Diese - frei nach Wilhelm Busch - gab es auch bei uns.
Geschehen um die Jahrhundertwende in der alten Schule.

Der Gastwirtssohn Wilhelm Wullbrand und noch ein Nachbarssohn schlichen sich heimlich zur Mittagszeit auf den Dachboden der alten Schule, um Entdeckungen zu machen. Um diese Zeit kam auch Vater Schwettmann, bei Nr. 11, der das Amt des Glöckners ausübte, um die Schulglocke zur Mittagszeit zu läuten. Dieser Umstand war den beiden Anlass, einen Streich auszuhecken.
Als Vater Schwettmann das Seil, das immer bis zur Diele herunterhing, ergriff und ziehen wollte, hielten es die Jungen oben fest. Stutzig geworden über dies, sprach er vor sich hin: „Satan, schollst mie doch nich ünnerkriegen“ und zog mit aller Gewalt nochmals; oben aber ließen die beiden Jungen das Seil los, Vater Schwettmann ging dadurch in die Knie und die Glocke tat einen gewaltigen Ton und das ganze Haus erzitterte. Nach diesem Schreck der nächste Versuch, der genau so ausfiel, ebenso der dritte. Die Leute auf der Straße riefen: „Is de Schwettmann besoapen?“
Aber nein, das Mittagsläuten ward wieder normal.
Nach dem Läuten ging er nach oben um nachzuschauen, konnte aber keinen Fehler finden und brummte vor sich hin: „De Deuker mag weeten, woran et lägen het“ und stieg die Leiter wieder hinab. Die beiden Jungen aber hatten sich still im Stroh verkrochen, denn eine gehörige Abreibung wäre ihnen gewiss gewesen.

Vom Werwolf

Herbert Dombrowski
Viele der alten Sagen und Erzählungen sind in Vergessenheit geraten, weil die “gute alte Zeit“ - z. B. nach dem 1. Weltkrieg - durch eine in sich veränderte “neue Zeit“ abgelöst wurde.

Die Spinnabende zur Winterzeit, die nachbarlichen Besuche (“jüst rinkieken“) wurden weniger, die jüngere Generation hatte andere Interessen und die Alten nahmen ihr Wissen mit ins Grab. Und gerade auf diesen Spinnabenden, bei denen mehrere Dorfbewohner versammelt waren, ist viel von früher erzählt worden; auch manche aus grauer Vorzeit stammende Schauergeschichte war dabei. So auch die aus dem Sagenschatz hiesigen Volksmundes über den “Werwolf von Bockshorn“.

In dieser Flur “Bockshorn“, damals ein urwüchsiges Waldgelände auf Maaslinger und Meßlinger Gebiet, hauste ein gefährlicher Wolf, ein Untier ohnegleichen, der in manchen Schafherden großen Schaden anrichtete.

Zur gleichen Zeit lebte auf seiner Burg ein Ritter namens Bruno Bruns. Die Burg befand sich etwa dort, wo heute die Stätten Nr. 1 und 11 in Maaslingen angesiedelt sind.
Als man eines Morgens sogar den Schäfer des Ritters Bruno samt seiner Herde erwürgt vorfand, ließ Ritter Bruno sämtliche Männer des Dorfes zusammenrufen, die - bewaffnet mit Heugabeln und Knüppeln - dem Untier zu Leibe rücken sollten. Man durchsuchte das vermeintliche Aufenthaltsgebiet, aber aufgespürt hat man es nicht. Unverrichteter Dinge musste man wieder abziehen.
Noch in der folgenden Nacht erscholl vom Walde her ein furchtbares Geheul, das durch Mark und Bein ging, dazu ein Jammergeschrei von gequälten Menschen. Ritter Bruno, ein gutherziger frommer Mensch, bewaffnete seine Knechte und Nachbarn, um zur Hilfe zu eilen. Je näher sie der Stelle kamen, hörten sie das Schreien von Kindern nach Vater und Mutter. Es kam aus dem Hause des Waldarbeiters Wiebke, der in einer armseligen Hütte am Waldrand wohnte. Man eilte dorthin, aber man kam zu spät: Vater, Mutter und fünf Kinder lagen erwürgt am Boden, nur das jüngste Kind, das in einer Wiege unter einem Kreuz an der Wand lag, war verschont geblieben. Sofort beschloss man die Verfolgung des Untieres, die allerdings auch dieses Mal ohne Erfolg blieb.

Bei dem Kinde blieb ein alter frommer Mann namens Staas, um es zu beschützen. Dabei gewahrte er das Kreuz an der Wand, und es ihm fiel sofort ein: Nur dieses Kreuz hat das Kind in der Wiege geschützt. Zugleich stand auch für ihn fest, dass nur der Werwolf dieses Verbrechen begangen haben konnte. Er erbot sich, die Jagd nach dem Untier allein aufzunehmen. Für ihn stand fest: Nur mit Hilfe des Kreuzes konnte man diesem Untier beikommen.
Er baute eine Falle aus Hülsdorn (Ilex), versah sie mit drei Kreuzen und stellte sie vor dem Eingang des Hauses auf, in dem das Kind in der Wiege schlief.

Am nächsten Morgen war der Werwolf darin gefangen. Es war ein schrecklicher Anblick für den frommen Mann, aber mutig warf er ihm eine Schlinge über den Kopf und band ihn so fest, dass er nicht entrinnen konnte. Alsdann fertigte er ein Kreuz und eine Krone aus Hülsdornblättern und führte sie dreimal über den Kopf des Werwolfes, so dass er sich zurückverwandeln musste. Groß war das Erstaunen, es war ein Schneider aus M. All sein Flehen und Betteln half ihm nichts, noch am selben Morgen wurde er am Galgen gehängt.

Den versammelten Leuten, die zum Galgen hinaufschauten, zeigte sich eine ungetüme Eule, die heruntergeholt und verbrannt wurde. Seit dieser Zeit ist ein solches Untier nicht mehr gesehen worden.


"Rockefeller"

‘Botterwoagen, Eierhändler, Schwienedriever, Farkenhändler, Peerhändler’ waren die Erscheinungen im Straßenbild unser heimischen Dörfer. Zu ihnen gesellte sich in den 20er Jahren nach dem 1. Weltkrieg ein neuer Typ in Gestalt eines Petroleumhändlers. Sein Name war Kleine von der Stätte Nr. 47, besser bekannt als ‘Winkelmanns Onkel‘.
Sein Absatzgebiet waren die Dörfer im Hannöverschen wie Haselhorn, Schamerloh, Sapelloh, Kleinen- und Großenvörde und andere Orte, die noch keinen elektrischen Stromanschluss hatten und wie von altersher auf Petroleumleuchten angewiesen waren. Dieser Handel brachte ihm auch den Namen ‘Rockefeller’ ein (nach dem amerikanischen Ölkönig).
Er selbst wohnte in Minderheide, seine Niederlassung aber war ein Schuppen auf der Stätte Nr. 47 in Meßlingen. Hier füllte er das Öl aus den 200-Liter-Fässern in Kannen um; wenn ihm Kinder dabei behilflich waren, bekamen sie 2 Pfennig dafür.

Das Bemerkenswerte ist aber der Transport seines Leucht-Öles:
Das ist ein Kapitel für sich und grenzt an Akrobatik. Man denke und rechne: Auf dem hinteren Gepäckträger seines Fahrrades steht hoch aufgerichtet eine volle 50-Liter-Kanne, zu beiden Seiten baumeln Eimer mit Schmierseife, zusammen auch 25 kg. Dann hängen vorn am Lenker noch Kannen mit 10 - 20 Liter Inhalt, außerdem sind in Taschen untergebracht kleinere Artikel wie Waschpulver u. a. m.
Da das Eigengewicht des ‘lieben guten Petroleum-Onkels’ auch nicht zu verachten war und auch das Fahrgestell seine Pfunde zählte, mussten rundweg 4 1/2 Zentner im Gleichgewicht gehalten werden. Bedenkt man außerdem, dass der Schwerpunkt dieser Last sehr hoch lag und die ‘Padwege’ bei nassem Wetter schon ohne Belastung schwer zu befahren waren, kann man nur über seine Kraftleistung staunen. Asphaltwege wie heute gab es damals noch nicht, manche Wege waren grundlos in der nassen Jahreszeit.
Seines Tagestour betrug meist 40 km, für Onkel Kleine waren das aber nur Klein’igkeiten; dabei fuhr er so gemütlich-sicher und seine Pfeife dampfte dazu so friedlich-freundlich, dass er recht behielt: ‘Dat schall mie moal eyner noamoaken’.

Schneidermeister Gieseking

Schneidermeister Gieseking ging mit der Nähmaschine auf dem Rücken von Haus zu Haus, um die Familien mit Kleidung zu versorgen.
Diese damals moderne Maschine wurde von Hand mittels Kurbel angetrieben.
Ein Anzug kostete an Nählohn 3,50 Mark.
Als er spät abends, von Südfelde kommend, durch den Kunkgang ging,
nahm er etwas Dunkles und einen glühenden Punkt am Wegesrand war.
In der Annahme, es handele sich um einen dort hockenden, Zigarre rauchenden Mann,
der ihm möglicherweise auflauere, sagte er 'Goo'en Oabend'.
Nachdem er seinen Gruß zweimal wiederholt hatte, ohne Antwort zu erhalten,
sagte er grimmig: 'Ick segg' no eis Goo'en Oabend und wenn denn keene Antwort kümmt,
hau ick mit mien Krückstock tau'. ...................


Er haute kräftig zu und ein alter morscher Weidenstumpf ging dabei vollends zu Bruch.

Der Schimmelreiter

Die Geschichte vom ‘Schimmelreiter’ (von Heinrich (Heiner) Busse)

Christian Seele (Stoas) aus Südfelde (Urgroßvater von Heiner Busse) ritt vor langer Zeit eines abends mit seinem Schimmel durch den Kunkgang nach Meßlingen, um vom alten Schmied Gieseking eine Schlachtemolle und eine Kette, - beides dort zur Reparatur, - abzuholen.
Die Arbeiten waren noch nicht durchgeführt, und so blieb er so lange, bis beide Teile fertig waren. Die Schlachtemolle erhielt neue Eisenbänder, die Kette wurde im Schmiedefeuer wieder verschweißt. Inzwischen war es halb zwölf nachts.
Christian Seele setzte sich nun auf seinen Schimmel, die Schlachtemolle legte er sich über die Knie, die Kette hängte er sich um die Schultern. So ging es nun endlich nach Hause. Er gab dem Schimmel die Sporen. Die Kette klapperte und klirrte.
Zurück ging es wieder durch den Kunkgang, der Meßlingen und Südfelde auch heute noch verbindet. Es war damals eigentlich kein richtiger Weg. Er entstand, weil die Leute Jahr für Jahr immer eine Abkürzung über die gepflügten und bestellten Felder nahmen. Etwa in der Mitte, also in den Grenzbereichen der beiden Ortschaften, lag die ‘Hue’. Hier war es sumpfig und auch ein wenig gruselig, wenn man bei Dunkelheit diesen Weg ging. Um die Geisterstunde mied man am besten diesen Pfad, wer wusste damals schon so genau, was hier so alles passieren konnte!

Die Lehrer aus Meßlingen und Südfelde waren befreundet und besuchten sich gelegentlich, so auch an diesem besonderen Abend. Da es bald auf Mitternacht, die Geisterstunde, zuging, brachte der Südfelder Lehrer seinen Meßlinger Kollegen bis an die Hue, der Grenze beider Dörfer. So hielt man es sich, war man an dieser heiklen Stelle dann doch zu zweit.
Die zwei hatten die Hue bald erreicht. Die Gespräche waren inzwischen verstummt, aufmerksam und vorsichtig gingen sie durch die Nacht. Plötzlich blieben sie stehen und lauschten. „War da nicht was“ Undefinierbare Laute waren zu hören. Sie waren unschlüssig, wie sie sich verhalten sollten.
So standen sie in der Dunkelheit und lauschten; alle Sinne waren aufs höchste angespannt. Das Klappern und Klirren kam näher und ihnen wurde unheimlich. Schemenhaft konnten sie etwas Helles erkennen, den Schimmelreiter im dunklen Gewand. Panische Angst breitete sich in ihren Gliedern aus, sie rannten um ihr Leben.

Am nächsten Tag berichtete der Südfelder Lehrer, - ganz erregt von diesem Erlebnis, - dem Bauern Seele diese unheimliche Geschichte. Der wiederum konnte sich vor Lachen nicht halten, waren doch zwei gebildete Leute vor ihm davongelaufen. Er konnte jedoch sagen, was er wollte, der Südfelder Lehrer glaubte ihm nicht. Der wusste alles besser.

So konnte er den Schimmelreiter auch genau beschreiben: Er hatte einen Mantelsack, in dem er sein Geld hatte und beim Reiten klapperte und klirrte das Geld in seinen Taschen. Später wollten auch andere Dorfbewohner den Schimmelreiter gesehen haben.

So entstand - und blieb - die Legende vom Schimmelreiter. Die Wahrheit interessierte niemanden. Die Geschichte hatte eine eigene Dynamik erhalten, konnte man sie doch an langen Winterabenden immer wieder erzählen und Zuhörer damit in seinen Bann ziehen.